Die Pilgermuschel

Jakobsmuschel 9.-11. Jh., Grabungsfund Hameln, Münster
Jakobsmuschel 9.-11. Jh., Grabungsfund Hameln, Münster

Wenn der mittelalterliche Pilger die beschwerliche und nicht minder gefahrvolle Wanderschaft an einen der christlichen Wallfahrtsorte bewältigt und sich den vorgeschriebenen Ritualen unterworfen hatte, erwarb er zuletzt ein bleibendes Erinnerungszeichen. Im Heiligen Land waren es geweihte Palmzweige, Wasser aus dem Jordan oder Steine vom Berg Golgatha. Seit dem Spätmittelalter produzierten Zinngießer und Goldschmiede in Rom, Einsiedeln und anderswo metallene Gussbilder mit Heiligendarstellungen, Töpfer irdene Heiligenfiguren in oft riesigen Mengen. Wer aber beim heiligen Jakobus in Santiago de Compostela war, nähte sich seit dem 12. Jahrhundert als Beweis seines Aufenthaltes eine Muschel auf die Pilgertasche, später (seit dem 14. Jahrhundert) auch auf Mantel oder Hut. Sie wurden schließlich zum Pilgerzeichen schlechthin.

Als Pilgermuscheln kamen kleinere Arten aus der Familie der Pectiniden oder Kammmuscheln in Frage, insbesondere die 5 - 15 cm messende Pecten jacobaeus aus den Küstengewässern von Mittelmeer und Atlantik; die etwas größere Pecten maximus fand als Löffel Verwendung. Dank der ihr zugeschriebenen magischen Wirkung bescheinigte die am Wallfahrtsort erworbene oder am nahen Meer aufgelesene Jakobsmuschel dem Gläubigen Sündenerlass und unterstellte ihn bei Krankheit und Not zugleich dauerhaft dem Schutz des bzw. der besuchten Heiligen. Nach ihrem Tode gab man Pilgern ihre Muscheln mit ins Grab. Das lässt sich an Ausgrabungen mittelalterlicher Bestattungen aus dem 11. -14. Jahrhundert immer wieder belegen.

Die Figur eines durch Heiligenschein und Buch gekennzeichneten Apostels im Pilgermantel mit aufgehefteter Jakobsmuschel auf der Rückseite des Leviten­stuhls im Hohen Chor der Amelungsborner Klosterkirche ist unschwer als Jakobus d.Ä. zu identifizieren. Auch gab es dort noch 1576 einen Jakobusaltar. Das lässt den Schluss zu, dass auch Amelungsborn im Mittelalter eine Rolle als Rast- und Durchgangsort im engen Geflecht der auf den ersehnten Endpunkt im nordspanischen Compostela zulaufenden Pilgerpfade gespielt hat. (vgl. A.M. 9. Folge)

HWG 2005

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