Thomas-Altar

ein Flügelaltar von Erich Klahn

Thomas-Flügelaltar von Erich Klahn
Thomas-Flügelaltar von Erich Klahn

Betrachtung und Einführung von
Öffnet einen internen Link im aktuellen FensterAltabt Hans-Christian Drömann

Es war der Wunsch unseres verehrten Abtes Christhard Mahrenholz, der unser Kloster in seiner jetzigen geistlichen Lebensform maßgeblich geprägt hat, dass der von Erich Klahn für ihn geschaffene Flügelaltar einmal im südlichen Chorraum unserer Klosterkirche Aufstellung finden solle, an dem Ort, an dem die Gemeinde ihre Taufgottesdienste feiert und die klösterliche Familie zu ihren Beichtfeiern zusammenkommt.

Wir sind dankbar dafür, dass dieser Wunsch nun in Erfüllung gegangen ist und wir am heutigen Kapiteltag, den 21. Juni 2003, den Altar in Gebrauch nehmen dürfen.

Erich Klahn hat den Altar als Tryptichon geschaffen. Dieser Form eines dreiteiligen Kunstwerks, bei dem die einzelnen Darstellungen sich zu einem Ganzen fügen, war Klahn besonders zugetan. Elf Tryptichen gehören zum Gesamtwerk des Künstlers, neun davon sind Altäre bzw. von religiösen Themen bestimmt. Mit ihnen stellt Klahn seine Kunst in den Dienst der Verkündigung.
Sein Anliegen ist es, die biblische Botschaft in der ihm eigenen Bildsprache zum Ausdruck zu bringen. Sein Thema ist die Begegnung Jesu mit suchenden, nachfragenden, auch mit zweifelnden Menschen. Dabei stellt Klahn die zu Jesus Kommenden so dar, dass wir uns beim Betrachten selber erkennen, ja uns gleichsam selbst an ihrer Stelle einfinden und darüber mit Jesus persönlich in Beziehung treten.


Mittelbild
Mittelbild

Der Thomas-Altar ist Klahns erstes Tryptichon; er wurde in den Jahren 1928 bis 1930 geschaffen.
In dem Mittelbild und damit im Zentrum des Altars steht der auferstandene Christus, umgeben von vier mit roten Gewändern gekleideten Jüngern. Die Gruppe steht vor einem dunklen Hintergrund und füllt den gesamten Bildrahmen aus. Auf den Gesichtern der Jünger zeichnen sich deutlich Skepsis, Staunen und ebenso beginnendes Vertrauen zu dem Auferstandenen  ab. Sie haben ihren Herrn in ihrer Mitte. Er ist durch seine den Jüngern zugewandte Haltung und durch das helle Leichentuch als Lendenschurz eindeutig zu erkennen. Seine Wundmale an den Händen, an den Füssen und an der Seite zeigen ihn als den, der am Kreuz auf Golgatha die Sünde der Welt auf sich genommen hat, damit nach den Worten des  Johannesevangeliums "alle, die an ihn glauben nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben."

Links von Jesus erkennen wir Thomas. Er war nicht dabei gewesen, als Christus nach seiner Auferweckung den Jüngern ein erstes Mal erschien. Was sie erlebt und ihm erzählt haben, kann er für seine Person nicht annehmen. Er muss Jesus selber sehen, und nur an seinen Wundmalen will er ihn wieder erkennen. Dem ungläubigen Thomas wendet sich Christus zu mit einladender Gebärde. Der Jünger führt seine Hand an die Seite seines Herrn, schaut ihm ins Angesicht und findet neu zum Glauben: "Mein Herr und mein Gott"!

Die anderen drei Jünger schauen wie Thomas auf den Auferstandenen. Der neben ihm Stehende legt ihm die Hand auf die Schulter, als wollte er sagen: du gehörst zu uns. Der rechts von Jesus Stehende legt seine rechte Hand an das Herz, um die Gnade der Gegenwart Christi zu bewahren. Ansonsten sind die Hände der Jünger nach unten gerichtet. Die Traurigkeit über den Tod ihres Herrn gleitet von ihnen ab. Österliche Glaubensfreude kommt über sie. Die Farbgebung ihrer Beine und Füße hebt sich deutlich von der ihrer Köpfe und Gesichter ab. Unsicher, geradezu tapsig bewegen sie sich. Sie kommen aus Trauer und Dunkelheit, noch gebunden an Raum und Zeit, nicht wie der Auferstandene schon der Macht des Todes entronnen. Durch ihn werden sie Zeugen seiner Auferweckung von den Toten und damit Botschafter des ewigen Lebens.


linker Altarflügel
linker Altarflügel

Auf dem linken Altarflügel sehen wir, wie Johannes, mit einem Fellgewand bekleidet, Jesus im Jordan tauft. Über beiden erscheint Gottes Geist in Gestalt einer Taube. der nach dem Zeugnis der Evangelien sich zu Jesus bekennt: "Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe".

Jesus steht im Wasser des Jordan, niedriger als Johannes. Erich Klahn bringt mit dieser Darstellung zum Ausdruck, dass Jesus sich freiwillig seiner Sendung im Namen Gottes unterwirft. Seine Haltung zeigt beides, Demut und Entschlossenheit. Jesus schaut den Betrachter unmittelbar an. Sein Blick lässt Bereitschaft und Hingabe erkennen. Er wird seinen Weg gehen, den Gott für ihn ausersehen hat.


rechter Altarflügel
rechter Altarflügel

Auf dem rechten Flügel sehen wir den heiligen Martin von Tours. Er teilt seinen Mantel mit einem Bettler, dessen bloßer Oberkörper und dessen unsicheres Stehen neben der hilflosen Gebärde seiner Hände die Bedürftigkeit seiner Person zum Ausdruck bringen.
Nach der Legende ist dem heiligen Martin Christus in der Gestalt des Bettlers erschienen, um ihn zu prüfen, ob er in seinem Namen zum Dienst der Liebe an einem der geringsten Brüder bereit sei.

Der taufende Johannes und der seinen Mantel zerteilende Martin entsprechen einander. Klahn hat sie im Spiegelbild zueinander in Beziehung gesetzt. Jeweils zur Außenseite des Altars gewandt, sind sie als die im Namen des auferstandenen Jesus Handelnden höher positioniert und treten damit in das Blickfeld der Betrachter. Klahn will zum Ausdruck bringen: so wie Jesus Gottes Willen erfüllt hat, sind wir gerufen, seinem Auftrag zu folgen in dem Vertrauen, dass er unter uns ist. Der rote Hintergrund als Symbolfarbe für den an und durch Menschen wirkenden Geist Gottes verbindet zudem den linken und rechten Flügel des Altars mit dem Rot der Jünger zu einer Einheit. Das hebt Christus - weißgewandet - als die Hauptgestalt des Altars hervor.
    
In seinem Brief an Erich Klahn vom 12. Oktober 1933 schreibt Christhard Mahrenholz: "Jeden Abend sitze ich im Kerzenlicht vor Ihrem Altar, der mir in manchen schweren Stunden dieser Zeit eine Predigt gehalten hat, wie ich sie sonst in meiner Einsamkeit von niemanden hören konnte."

Von nun an kann der Thomas-Altar uns Amelungsborner und alle Besucher des Klosters hineinführen in die Begegnung mit dem gekreuzigten und auferstandenen Christus. Dankbar nehmen wir ihn an als ein Kunstwerk, in dem uns der Ruf in die Nachfolge unseres Herrn erreicht.

(Fotos: J. Franke, 2002)

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